“Das Potosí-Prinzip” – Eine Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt
Vor 200 Jahren begannen in Lateinamerika die Unabhängigkeitsbewegungen, die zur Befreiung von der spanischen Kolonialherrschaft führten. Unter dem Begriff „Bicentenario“ wird in Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, El Salvador, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Uruguay und Venezuela durchaus kontrovers der Ereignisse um 1809-11 gedacht, als die damaligen Kolonien aufbegehrten. Künstler und Intellektuelle, Musiker und Schriftsteller, Theatermacher und Filmschaffende aus Lateinamerika entwickeln im Haus der Kulturen der
Welt zum „Bicentenario“ differenzierte Bestandsaufnahmen der politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Verhältnisse auf dem Kontinent.
Einem speziellen Aspekt der Kolonialgeschichte gilt das Projekt „Das Potosí-Prinzip“, das im Mai 2010 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid eröffnet wurde, im Oktober 2010 in Berlin gastiert und 2011 in La Paz, Bolivien, zu sehen sein wird. Es thematisiert anhand von monumentalen Kolonialgemälden aus der Potosí-Schule, die noch nie außerhalb Boliviens gezeigt wurden – und Werken zeitgenössischer Künstler in direkter Reaktion darauf – die systematische Ausbeutung des Vizekönigreichs Peru.
Nicht nur Rohstoffe, sondern auch Bilder, materielle wie ideelle, wurden vom kolonialen Lateinamerika nach Europa gebracht. Zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika thematisiert das Haus der Kulturen der Welt zusammen mit Partnern in Spanien und Bolivien einen speziellen Aspekt der Kolonialgeschichte: den Zusammenhang von Handels- und Imagetransfers, von Wirtschafts- und Denkstrukturen zwischen Lateinamerika und Europa und darüber hinaus. Am Beispiel der berühmten Silberstadt
Potosí setzt sich die Ausstellung kritisch mit den Verhältnissen auseinander, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert die Minenindustrie in den Kolonien Lateinamerikas zu einem Herzstück der europäischen Wirtschaft haben werden lassen.
Das Projekt unter Leitung von Andreas Siekmann, Alice Creischer (beide Berlin) und Max Jorge Hinderer (Santa Cruz/Berlin) geht wirtschaftlichen und bildpolitischen Zusammenhängen nach, die seit dem 16. Jahrhundert bis heute die Weltordnung und damit auch unsere Wahrnehmung der Welt prägen. Anhand der Geschichte der andinen Kolonialmalerei, aber auch zeitgenössischer Werke zum Thema verdeutlicht die Ausstellung
die systematische Ausbeutung des Vizekönigreichs Peru, das einen Großteil des südamerikanischen Kontinents umfasste. Der Projekttitel verweist auf die legendäre Stadt im bolivianischen Hochland, die jahrhundertelang ein Synonym für Reichtum war. Noch heute ist der Ausdruck vale un Potosí – das ist ein Vermögen wert – im Spanischen geläufig. Die Ausstellung mit einmaligen historischen Exponaten und Neuproduktionen zahlreicher
Künstler beschäftigt sich mit der Überlagerung von Hegemonie und Bildproduktion zwischen Lateinamerika und Europa.
Serviceinfo
Termin
08. Oktober 2010 – 02. Januar 2011
Adresse
Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin Stadtplan >>
Öffnungszeiten
Montag – Sonntag 10 bis 19 Uhr
(Ausstellungen Mittwoch – Montag 11 bis 19 Uhr)
Verkehrsanbindung
S-Bahn Hauptbahnhof (S3, S5, S7, S9, S75)
U-Bahn Bundestag (U 55)
Bus 100 und Bus M 85
Tickets und Infos unter 030/39 78 71 75
website: www.hkw.de
Foto oben: © Haus der Kulturen der Welt, Sebastian Bolesch
